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Stadtpfarrkirche



Die Geschichte der Stadtpfarrkirche Sankt Nikolaus Eggenfelden

Zwischen den großen Kunstzentren Landshut, Straubing und Passau entstand in der Epoche der späten Gotik die Pfarrkirche Eggenfelden als das überragende sakrale Bauwerk in unserer südöstlichen niederbayerischen Heimat. Das Gotteshaus trägt ein Doppelpatrozinium. St. Nikolaus fand im 12. und 13. Jahrhundert große Verehrung. Das Patronat des heiligen Stefan weist vermutlich darauf hin, daß die Pfarrei erst spät errichtet wurde und das Gotteshaus wohl als ‚Konkurrenzkirche‘ zu den im Umkreis schon vorhandenen entstand. Diesen Kirchen pflegte man das Patrozinium der jeweiligen Domkirche zu geben; die damalige Regensburger Kathedrale war dem heiligen Stefan geweiht.   
Nur zwei Daten informieren über den Baufortgang: Das Gotteshaus, an dem vermutlich seit 1410 gearbeitet wurde erhielt 1444 die Weihe; der 76 Meter hohe Turm kam erst 1519 zur Vollendung. Weil die Pfarrei seit 1404 dem Kollegiatenstift Altötting inkorporiert war, vermutete man, daß von dort die Anregung zu diesem gewaltigen Bauvorhaben kam. Die Initiative ging aber sicher von den Bürgern Eggenfeldens aus; als ein großes bürgerliches Gemeinschaftswerk kündet noch heute der imposante Bau von Wohlhabenheit und Selbstbewußtheit der Ortsbewohner. 
  
Dabei überraschen doch zwei Überlegungen: Nach vorsichtigen Schätzungen, die sich allerdings auf gewichtige Indizien stützen, zählte der Pfarrsprengel im 15. Jahrhundert kaum mehr als sieben- bis achthundert ‚Seelen‘. Die Generation indes, die zu bauen begann, dürfte sich im klaren darüber gewesen sein, daß sie die Vollendung niemals erleben würde. Aber die Menschen von damals erfüllte ein unerschütterlicher Jenseitsglaube. Auch wissen wir, daß Gottesdienste und Liturgie des späten Mittelalters mit ihren Prozessionen und religiösen Spielen einen weiten Kirchenraum beanspruchten.   
Einzelheiten am Baubestand lassen erkennen, daß unsere Pfarrkirche nicht so groß geplant war. Um 1435 dürfte man eine Änderung vorgenommen haben, um in stattlicheren Ausmaßen vor allem das Langhaus geräumiger zu bauen. Die architektonische Gliederung weist in ihrer Monumentalität und Ausgewogenheit auf die Tätigkeit eines großen Baumeisters hin. Aufgrund stilistischer Hinweise nehmen wir das Wirken Stefan Krumenauers an, der 1461 im nahen Braunau verstarb. Diese Zuschreibung wird durch urkundliche Zeugnisse erhärtet, welche auch die persönlichen Beziehungen dieses Baumeisters zu Eggenfelden erkennen lassen. Krumenauers Witwe war in zweiter Ehe mit dem Eggenfeldener Ratsbürger Winterstainer verheiratet. Nach dessen Tod 1467 stiftete sie einen Jahrtag für ihn und für Stefan Krumenauer. Erneut verwitwet ging diese Frau 1480 eine dritte Ehe mit einem Regensburger Bürger ein, wobei in Erbschaftsregelungen ihr Lebensweg von Braunau über Eggenfelden ebenfalls aufgezeigt ist. 

Die Pfarrkirche Eggenfelden lässt deutlich die Stilmerkmale Stefan Krumenauers erkennen, wie sie an anderen seiner Bauwerke (Wasserburg, Salzburg und vor allem Braunau) abzulesen sind. Es ist nicht mehr das gotische Streben nach Höhenwirkung, sondern ein Dehnen und Strecken nach allen Abmessungen des Baukörpers, wobei im einzelnen das System der Staffelkirche, die mehr breiten als hohen Maßwerkfenster und der ungegliederte Außenbau des Langhauses ins Auge fallen. Unsere Pfarrkirche ist weitgehend der ‚Innviertler Gotik‘ verpflichtet als ein Wandpfeilerbau von großer Weiträumigkeit und Feierlichkeit, als ein breit hingelagertes, behäbiges und bodenverwurzeltes Monument altbairischer Kirchenbaukunst.   
Der Außenbau der Pfarrkirche breitet sich unter dem weit herabgezogenen, leicht geknickten Schleppdach aus; Chor und Langhaus liegen unter dem durchgehenden First. Während der Chor von abgesetzten Strebepfeilern umstellt und mit hohen, schlanken Fenstern versehen ist, imponiert das Langhaus als geschlossener, gedrungen erscheinender Mauerblock. Auch hier erkennt man Sichtmauerwerk im sogenannten schwäbischen oder gotischen Verband. Dies alles ist nur durch die sehr breit proportionierten Maßwerkfenster unterbrochen. 
An die Westseite stößt der Turm in voller Breite des Mittelschiffes an. Er wächst zunächst in fünf, sich nur gering verjüngenden Geschossen empor. Das untere dient als Eingangshalle und war ehedem das Läuthaus. Das achteckige, hohe Obergeschoß flankieren vier Ecktürme und deren Unterbau. Diese ‚Scharwachtürme‘ oder ‚böhmischen Zinnen‘ verbindet eine Maßwerkgalerie in Steinmetzarbeit. Dazwischen ragt die hohe Pyramidenspitze auf, in Backstein gemauert aber seit 1966 aus Sicherheitsgründen mit einer Kupferhaut überzogen, wobei das Gepräge eines Niederbayerischen Backsteinturms verloren ging. Nur die Kreuzblume obenauf ist neugotisch (1882). Der Turm kann eigentlich als eine Kombination aus einem Stadt- und einem Kirchturm verstanden werden. Im Läutgeschoß befinden sich die Kirchenglocken; auf der Galerie hielten einst die Wächter bis in unser Jahrhundert herein Ausschau. An der Südseite des Chores liegt die Ölbergnische, eine Stiftung des Landrichters Westacher von 1609. Die Stelle einer Seitenkapelle nimmt am 2. Joch südlich ein Portal ein, welches reich verstäbt und gegliedert ist. Das Hauptportal liegt unter dem Turm an der Westseite. Das große Monumentalgemälde des heiligen Christophorus an der Südseite musste 1968 erneuert werden (Koller Deggendorf). 
Im Grundriß folgt die Pfarrkirche dem Schema einer ‚Stadtkirche‘. Den östlichen Abschluß bildet einschiffig der schmale, steil hochragende Chor. Dessen Seitenwände rhythmisieren innen steile Wandvorlagen, die an den Kanten mit Rundstab und Kehlen gegliedert sind. Es sind Halbrunddienste vorgelagert. Diese tragen im oberen Bereich maskierte Kopfkapitelle, welche Heilige und Propheten mit Spruchbändern darstellen, diesen entwachsen die oberen Gewölberippen. Den Abschluß des Chores bilden drei Seiten des Achtecks. Dem einschiffigen Chor fügt sich in breitbrüstiger Schwere das dreischiffige Langhaus als ein möglichst großer Versammlungsraum für das gläubige Volk an. Zusammen mit den beidseitigen Seitenkapellen, welche die Fünfschiffigkeit vortäuschen, nimmt das Kirchenschiff eine nahezu quadratische Fläche ein. Drei Paare von kräftigen Rundstützen tragen das gewaltige Gewölbe. Infolge ihrer Rundung und den daraus resultierenden Schattenwerten trennen sie den Raum nicht, sondern halten Haupt- und Nebenschiffe in einer Einheit zusammen. 
Zu den Seitenkapellen hin wird die Gliederung der Wände erst nach genauerem Betrachten der Wände offenkundig. Die sonst den Außenbau stützenden Strebepfeiler sind völlig in das Innere eingezogen und ungewöhnlich kräftig aus gebildet. Über ihre statische Funktion hinaus erfüllen sie die Aufgabe von Trennwänden für die Seitenkapellen und flankieren so die Längswände in kulissenartiger Form. Somit ist das Langhaus im Grund genommen ein gewaltiger Wandpfeilerbau. 
Die Seitenkapellen im besonderen sind das Ergebnis der Planänderung von 1435, damals wohl erforderlich geworden auf Veranlassung der im Ort erstarkten Handwerkszünfte. Die Einrichtung finanzierten die einzelnen Zünfte, welche sich auch weiterhin um Einrichtung und Erhaltung sorgten. In der kunstgeschichtlichen Entwicklung aber kommt den Seitenkapellen von Eggenfelden große Bedeutung zu, weil sie hier erstmals in dieser Geräumigkeit, bis unter das Dach hochgezogen, auftreten. Eine Weiterentwicklung erfuhren sie über Braunau bis hin zur Münchner Frauenkirche. 
Vom Querschnitt her bietet sich das Gotteshaus neben dem einschiffigen, hohen Chor im Langhaus als eine ‚Staffelkirche‘ dar. Die Gewölbescheitel liegen in den Seitenschiffen deutlich niedriger als im Mittelschiff, in den Seitenkapellen nochmals tiefer. Der Schnitt weist somit eine stufenförmige Abtreppung auf. Als 1461 Stefan Krummenauer starb, stand die Kirche für die Gottesdienste zur Verfügung, war aber noch nicht eingewölbt. Das Werk vollendeten seine ‚Schüler‘, unter ihnen wohl auch Michael Sallinger aus Pfarrkirchen. Den schleppenden Fortgang markieren Jahreszahlen am Gewölbe; im Chor 1465 im Langhaus 1488 und 1489 im Turmuntergeschoß. Die Gewölbe der Stadtpfarrkirche Eggenfelden haben im weiten Umkreis nichts Vergleichbares, was Formenreichtum und Qualität anbetrifft. Beinahe von Schiff zu Schiff, von Joch zu Joch wechselt die Zeichnung der engmaschigen Netz- und Sterngewölbe. Das Chorgewölbe wiederholt mit seiner ‚reichen Art der geknickten Reihung‘ beispielsweise das Hauptgewölbe von St. Stefan in Wien. Im Langhaus enden die Rippen, die durchwegs überzeugend kräftig gestaltet sind, in bossenartigen, ‚vegetabilisch‘ imponierenden Verkröpfungen an den Rundstützen. Hier vereinigen sich zwei, stark nach vorne gebogene und abgekappte Enden, die zudem von einem kurzen Rippenfragment überkreuzt werden. Für diese einmalige Gestaltung des Kapitellbereichs finden sich weitum kaum Vorbilder und vor allem keine Nachahmungen. Eine ähnliche Ausbildung ist nur an gewissen Stellen der Gewölbe in Prachatitz (CZ) und Nonnberg (Salzburg) anzutreffen. Gerade in Nonnberg wirkte Wolf Wiesinger, der nach dem Einsturz 1485 die Braunauer Pfarrkirche neu einwölbte und ab 1493 nach Nonnberg verpflichtet wurde; er wird zu den Mitarbeitern Krummenauers gezählt. Im Mittelschiffgewölbe unserer Pfarrkirche gleichen sich das 1. und 3. sowie das 2. und 4. Joch als geistvolle Amplifikationen der Wechselbergerfiguration und des Vierrautensterns. Seitenschiffe und Kapitelle bieten eine bemerkenswerte Schau fast aller damals gebräuchlichen Rippenfigurationen. Die Gewölbeschale selbst ist aus Halbtrichtern konstruiert, die jeweils an den Jochgrenzen den Hochwänden anliegen; ihren Schluß am Gewölbegrund finden sie in Flachkuppeln. Die Bauweise bedingt ein lebhaftes Auf- und Abwogen des gesamten Gewölbegrundes. Trotzdem kann den Eggenfeldenern Gewölben wegen der vielen kurzen Rippenstücke, die fast durchwegs in ungleichen Winkeln aufeinanderstoßen, eine gewisse Sprödigkeit nicht abgesprochen werden. Das ist wohl auch der Grund, weshalb diese Gestaltung einen Schlußpunkt darstellt und jedenfalls in ihrer Reichhaltigkeit nicht wiederholt wurde. Dieser optische Eindruck verstärkt sich seit der letzten Ausmalung (1996) nachteilig auch wegen der einheitlichen Formgebung, die weder als ‚gotisch‘ noch als ‚gebietstypisch‘ anzusprechen ist. Eine lebhaftigere Bemalung und vor allem die Erneuerung der Rankenbüschel um die Rippenkreuzungen wäre erwünschenswert gewesen.

Die Pfarrkirche verfügte einst über eine reiche, gotische Ausstattung, die ab 1685 einer barocken weichen musste. Bei der Regotisierung ab 1861 entfernte man das Barock bis auf wenige Überreste. Zurück blieben nur ein paar Tafelbilder und die beiden Büsten der Heiligen Petrus und Paulus, Schnitzwerke von Johann Christoph Bendl, der 1690 in Pfarrkirchen starb. 
Es haben sich aber sehr qualitätvolle, gotische Figuren und Reliefs erhalten, welche zum Teil in die neugotische Ausstattung integriert sind. Zu nennen sind vor allem die Gruppe ‚Maria Krönung‘ um 1480, Heinrich Helmschrot aus Landshut zugeschrieben und die Gruppe ‚Christus und die zwölf Apostel‘ , ein Werk das um 1525 von Mathäus Kriniß aus Mühldorf geschaffen wurde. Von ganz besonderer Kunstfertigkeit zeugen die beiden Kirchenpatrone im neugotischen Hochaltar, um 1530 von einem unbekannten Meister gefertigt und – wieder an seiner richtigen Stelle- das Chorbogenkreuz um 1520, vermutlich dem Mühldorfer Kreis um Gregori Wiener oder Niklas Leeb nahestehend. Die nunmehrige, neugotische Altarausstattung gilt als eine der besseren jener Zeit. Sie wurde von Johann Paul Weiß aus Landshut (1820 – 1896) entworfen, den Hochaltar schuf Johann Schuler ebenda. Zum Abschluß der Restaurierung nach 1966 erhielten die Chorbogenfenster in den Jahren 1969 bis 1971 eine neue Verglasung, die Robert Rapolt aus München entwarf. 
Die neuen Kirchenfenster zeigen jetzt Maria mit den zwölf Aposteln sowie, an den Seitenfenstern, die Heiligen Rupert und Wolfgang. 
Zu erwähnen sind noch, weil heimatkundlich von Interesse, die 70 Grabdenkmäler in und an der Kirche, die bis in das 15. Jahrhundert zurück reichen. Sie beziehen sich hauptsächlich auf Bürger und Beamte. Zum Teil lassen sie eine hohe Qualität der Ausführung erkennen; einige werden Mathäus Kriniß zugeschrieben. 
  
Dr. Josef Haushofer 
Kreisheimatpfleger des Landkreises Rottal – Inn