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Anna-Kapelle



Baugeschichte. Die St.-Anna-Kapelle ist südlich des Pfarrgotteshauses dem Kirchenhügel vorgebaut, der an dieser Stelle steil geböscht gegen die Stadtsiedlung hin abfällt. Zusammen mit dem ebenfalls spätmittelalterlichen, überdachten Treppenaufgang an der Westseite und der östlich sich anschließenden, alten Friedhofsmauer bildet sie eine städtebaulich bemerkenswerte Anlage. 
Im hochragenden Baukörper der St.-Anna-Kapelle türmen sich zwei Bauteile aufeinander, die auch in alten Schriften stets als zwei eigene Kirchen aufgeführt werden. Die Unterkirche, in früheren Zeiten "Gruft" genannt, war ursprünglich eine "Christophkirche", bis sie 1698 ein neues Gewölbe erhielt. Von da an hieß sie "Rastkapelle", im 19. Jahrhundert "Josefskirche"; 1892 hat man sie zu einer Lourdesgrotte umgestaltet. Die Oberkirche, der hl. Anna geweiht, wurde 1803 profaniert. Sie erhielt später eine Zwischendecke, diente 1945 vorübergehend als Schulraum und in der übrigen Zeit als Abstellkammer. 
  
Den Stilformen nach muß die St.-Anna Kapelle dem späten 15. Jh. zugewiesen werden. Aus der Zeit ihrer Erbauung sind keine Nachrichten übermittelt. Einen gewissen Hinweis vermag vielleicht jener Grabstein mit Meisterzeichen für einen 1497 verstorbenen Ulrich Ircher aus Eichstätt zu geben, den man vor kurzem im Untergeschoß aufgefunden hat. Jedenfalls prägt die St.-Anna Kapelle eine andere Baugesinnung als jene, die uns in der breit und behäbig gelagerten, mehr auf Weiträumigkeit hin angelegten Pfarrkirche entgegentritt. 1560 beschädigte ein Sturm Dach und Türmchen der Kapelle schwer. 1594 drang ein Marktbrand bis zur Christophstiege und zur Westwand der Kirche vor, woraufhin die Innenwände mit einem neuen Bilderschmuck versehen wurden. 1604 erhielt die Kirche ein anderes Türmchen, dem die Barockzeit eine Zwiebelkuppel aufsetzte; bei der Regotisierung mußte es einem Spitzhelm weichen. 1973 entfernte man diesen Dachreiter wegen Schadhaftigkeit vollständig. 
Über die ursprüngliche Zweckbestimmung der St.-Anna-Kapelle lassen sich keine sicheren Angaben machen. Man benutzte sie jedenfalls nicht als Karner denn die Pfarrkirche weist an der Südwestecke in ihrem Unterbau heute noch einen der seltenen "unterirdischen Karner" auf. Wohl aber diente die Kapelle dem Friedhofskult, zumal erst 1805/07 der Friedhof um das Pfarrgotteshaus aufgelassen wurde. 
  
Baubeschreibung. Die St.-Anna-Kapelle präsentiert sich dem Besucher als ein im Verhältnis stark überhöhter, zweigeschossiger Rohziegelbau ohne Turm und ohne Gliederung der Außenmauern. In der Unterkirche ist der derben Stichkappentonne eine schwache barocke Stuckgliederung mit Pilastern, Gesimsen und Gurten vorgeblendet. Im Obergeschoß hat sich der spätgotische Charakter weitgehend erhalten. Auf dem Grundriß mit zwei Langhausjochen und einem Schluß in drei Polygonseiten ohne Chorausscheidung baut sich der überraschend schlanke und hochragende Innenraum auf. Schmale Spitzbogenfenster durchbrechen die Wände, und das Gewölbe weist in "Zweiparallelen-Figuration" ein einfach klares, aber schönes Netzgewölbe mit Rippenprofilen in Kehle und Rundstab auf. 
  
Wandmalerei. Im Jahre 1982 wurde die Restaurierung der Kapelle angegangen. Dabei konnte bei Entfernung der Zwischendecke ein reicher Bilderschmuck der späten Gotik und des Frühbarock in zwei Schichten aufgedeckt werden, dessen Freilegung sich als sehr zeitraubend erwies. Von 1988 an findet die Oberkirche wieder als Gotteshaus Verwendung. Die Altarausstattung ist dem Eggenfeldener Josef Michael Neustifter übertragen. 
Besondere Beachtung verdient die Ausmalung der St. Anna-Kapelle. Sie erfolgte für beide Schichten in der Al-Secco-Technik. Die erste Schicht gehört der Landshuter Schule an und kann stilistisch auf 1515-1520 datiert werden. Ihr zugehörig ist über dem Kircheneingang die Darstellung der Himmelfahrt und Krönung Mariens: die Gottesmutter erscheint im seltenen Typus der Ährenkleid-Maria inmitten der Chöre der Heiligen und Engel. Derselben Hand und Zeit entstammt die Darstellung der fragmentarischen hl. Sippe zwischen den beiden Südfenstern. Die Decke war dekorativ-vegetabil ausgemalt. 
Die zweite Malschicht, heute die oberste und umfassendere, zeigt starke gegenreformatorische Züge und sozialpolemische Tendenzen insbesondere gegen die lutherischen Ortenburger, deren Wappen wiederholt auftaucht. Diese Ausmalung dürfte angebracht worden sein nach Rückübernahme der Kapelle in den römisch-katholischen Kultus, ist doch für Eggenfelden ein starker "Abfall vom alten Glauben" für die unmittelbar vorangegangene Zeit verbürgt. So werden die Ortenburger mit dem "Reichen Prasser" in Beziehung gesetzt, der den Armen Lazarus darben läßt. Diese Thematik an der Nordseite ist durchzogen mit Jagd- und Küchenmotiven niederländischer Genremalerei, die aus Kalendarien von Stundenbüchern herrührt. Im Leichenbegräbnis des Prassers (Dämon!) werden Stichfolgen nach Luca Signorelli (Orvieto) und Michelangelo (Sixtina, Jüngstes Gericht) kopiert. Diese Gleichnis-Malerei ist als bürgerliche Stiftung in die Zeit um 1610-1620 zu datieren. Die gleichzeitig erfolgte, stark ornamental gehaltene übrige Ausmalung verwendet Drollerien und Grotesken und basiert ebenfalls auf ornamentalen Stichfolgen. Im Figürlichen dominiert das Voluminöse, wobei manieristische Überlängungen auftauchen, die je nach der Annäherung an die Stichfolgen mehr oder weniger ausgeprägt ausfallen. In der Darstellung eines Herodesmahles standen Goltzius-Stiche Pate. Die Heiligen zwischen den Fenstern nehmen auf Altarpatrozinien in der Pfarrkirche Bezug. Werke eines Hans Krumpers und Hubert Gerhards in München dürften dem Maler bekannt gewesen sein. Die Westseite zeigt eine Darstellung des Letzten Gerichts mit den weltlichen und geistlichen Ständen sowie die Wege zur Seligkeit und zum Verderben, den "Christ am Scheideweg". Diese Darstellungen basieren wohl auf didaktischen Schriften der Gegenreformation, wie sie in niederländischen Stichwerken häufig behandelt wurden. Die Textzeilen verraten lokale Tradition. Die stilistische Divergenz der Ausmalung ruht, abgesehen von den zeitlichen Unterschieden, besonders auf der Nähe zur graphischen Vorlage und ihrer mehr oder weniger selbständigen Adaptierung durch die Maler. Diesen kann eine allzu tiefreichende Erfahrung mit der Gattung Wandbild nicht zuerkannt werden. Sie wurzeln noch in der Miniaturmalerei, was die unverkennbare Liebe zum Detail bezeugt. 


Dr. Josef Haushofer

Kreisheimatpfleger des Landkreises Rottal-Inn